Deutsche Provinz der Jesuiten

Tertiatsexperiment in Alaska: Zu warm, der Boden taut auf

Pater Claus Pfuff SJ in Alaska.

Seit September ist Claus Pfuff SJ in Portland/USA im Tertiat. Es ist die letzte, knapp einjährige Ausbildungszeit, in der sich ein Jesuit - nach Abschluss aller Studien und Praktika - auf seine Letzten Gelübde und damit auf die endgültige Eingliederung in die Gesellschaft Jesu vorbereitet. In der Zeit lassen sich die Jesuiten auf sogenannte ignatianische Experimente ein. Genau dieses Experiment hat Claus Pfuff nach Alaska geführt, das wir uns als schneebedeckte Weiten und ewiges Eis vorstellen. Was er erlebt, berichtet er hier:

"Father"..., so tönt es von der anderen Straßenseite. Es ist Beth. Sie wollte sehen, ob Father wieder im Dorf ist und am Abend die Messe feiert. Kaum dass ich sehe, sitzt sie mit ihren 1,50 Metern wieder auf ihrem Snow-Mobil und fährt davon. Sie muss ja noch die anderen informieren, dass sie auch kommen. Ja, zwei Tage saß ich in Kotlik fest, weil das Wetter zu schlecht war und kein Flug ging. Aber das kennen die Leute hier. Dann muss man halt warten. Irgendwann klappt es schon, aber das kann auch Tage dauern. Beth ist eine der guten Geister hier. Wenn ein Priester kommt, ist sie die Küsterin. Mit ihren 76 Jahren geht sie vormittags in die Schule arbeiten. Aus Spaß, sagt sie, aber die zwei Dollar, die sie in der Stunde verdient, kann sie gut gebrauchen. Das Leben hier ist teuer: ein Liter Milch 4 Dollar, ein Päckchen Trockenhefe 2 Dollar, wenn es sie gerade gibt. Manchmal ist auch Leere im Laden, weil keine Flüge kommen. Beth sorgt für ihren Sohn, den sie liebevoll ihren "boy" nennt und dessen "little girl", die er adoptiert hat. Und selbst für Father hat sie in den ersten Tagen etwas zu essen vorbeigeschickt. Ein wenig Trockenfisch und Karibu-Fleisch hat ihr Sohn gebracht. Was die Leute hier so fangen.

Seit Anfang Januar bin ich nun hier in Alaska im Tertiatsexperiment und betreue vier Dörfer im Yukon-Delta. Von Zeit zu Zeit kommt sonst ein Priester für zwei Wochen hier vorbei. Dann gibt es Messfeiern, Taufen und Hochzeiten. In manchen Dörfern ist ein Diakon, andere haben niemand. Seit mehreren Wochen versuche ich nach Nunam Iqua an der Bering-See zu kommen. 20 Kinder sollen auf die Taufvorbereitung und die Taufe warten. Aber wenn dann der Reisetag kommt, ist das Wetter zu schlecht. Es ist zu warm und Wasser steht auf dem Fluss. Die Klimaveränderung bringt immer wärmere Winter und macht das Reisen mit dem Snow-Mobil gefährlich. Aber nicht nur das. Der Permafrostboden taut auf und die Fundamente der Häuser geben nach. Die Kirche in Nunam Iqua musste schon geschlossen werden. Für die Menschen hier ist dies die große Sorge. Was ist, wenn ihre Häuser versinken oder ihre Lebensgrundlage, der Fisch, ausbleibt. Viel ist schon derzeit nicht in den Netzen.

Noch bis nach Ostern werde ich hier sein. Ich werde Patlatsch miterleben, das dem Gedenken der Toten gewidmet ist und wo die Vorräte mit den Armen und Alten geteilt werden. Ich werde sicher noch einige frohe und traurige Begegnungen erleben, zwischen den Dörfer hin- und herreisen. Und sicher noch einige Zeit mit Warten verbringen, weil das Wetter mal wieder zu schlecht ist.

Pater Claus Pfuff SJ, Jahrgang 1965, ist Exerzitienleiter, Lebens- und Sozialberater. Er hat Theologie studiert und wurde in der Diozese Augsburg zum Priester geweiht. 2009 ist er in den Jesuitenorden eingetreten und war ab 2011 Schulseelsorger am Canisius-Kolleg in Berlin. Seit September 2017 macht er in Portland/USA sein Tertiat.

letzte Aktualisierung am 27.03.2018