Deutsche Provinz der Jesuiten
Pater Johannes Siebner SJ mit Papst Franziskus nach der Santa Marta Messe im Vatikan.

Pater Johannes Siebner in Rom: Wie geht Provinzial?

Zwei Wochen war Pater Johannes Siebner SJ, Provinzial der Deutschen Provinz, in Rom zum „Colloquium“ für neue Provinziäle. Diese Zeit ist ein Rahmen für intensiven Austausch unter den Provinziälen, die im vergangenen Jahr neu ernannt wurden, dem Generaloberen P. Arturo Sosa und der Generalskurie in Rom. Wie es Siebner ergangen ist, berichtet er hier.

Johannes Siebner SJ

Der ehemalige Generalobere Pater Adolfo Nicolas habe im Zusammenhang mit der Einladung der neuen Provinziäle nach Rom vor Jahren einmal augenzwinkernd gesagt, die Veranstaltung solle nicht „Schule für neue Provinziäle“ genannt werden: „Was kann man Provinziälen schon beibringen?“ Und so heißt es schon seit einigen Jahren „Colloquium“. Der Generalobere lädt traditionell eine Gruppe der im Laufe des vergangenen Jahres ins Amt gekommenen Höheren Oberen ein, so auch mich im Dezember 2017; seit 1. Juni bin ich jetzt Provinzial der deutschen Provinz. Schnell wird deutlich, dass Pater General diese Art der Einführung bzw. Fortbildung sehr wichtig ist. Pater Sosa SJ, Generaloberer seit Oktober letzten Jahres, hat uns nicht nur zu Beginn herzlich begrüßt, er ist auch einen Großteil des immerhin zweiwöchigen Colloquiums mit dabei und bringt sich aktiv ein. Die Gruppe: 13 Provinziäle der Provinzen Nordwest-Afrika, von den Antillen, Ecuador, Paraguay, Venezuela, Canada, Bombay (Mumbai), Hazaribagh (im Nordosten Indiens), Vietnam, Irland, Kroatien, Ungarn, und eben Deutschland. Schon die Zusammensetzung ist etwas Besonderes, ein Privileg: Weltkirche at it´s best. Austausch, Gespräch, gemeinsames Gebet, Hören und Erzählen stehen im Zentrum – tatsächlich also ein Colloquium.

13 Provinziäle der Provinzen Nordwest-Afrika, von den Antillen, Ecuador, Paraguay, Venezuela, Canada, Bombay (Mumbai), Hazaribagh (im Nordosten Indiens), Vietnam, Irland, Kroatien, Ungarn, und eben Pater Johannes Siebner aus Deutschland.

Neben dem Generaloberen sind zahlreiche Mitarbeiter der Generalskurie beteiligt und nehmen sich großzügig Zeit. Die Wertschätzung für die Provinziäle ist deutlich zu spüren, viele von ihnen waren selbst einmal Provinzial und kennen den „Job“. Ihre Botschaft: wir sind hier in Rom aus zwei Gründen: erstens und vor allem, um dem Generaloberen zu helfen, dass er seine Aufgabe wahrnehmen kann und dann zweitens für Euch, die Höheren Oberen vor Ort. Und es stimmt: der „Apparat“ nimmt sich selbst nicht wichtig, alle Assistenten, Delegaten und Sekretariate stellen sich in den Dienst. Hier macht sich etwas bemerkbar, was ja auch sonst den Orden prägt, dass nämlich die Ämter alle nur auf Zeit vergeben sind. Kaum jemand arbeitet länger als fünf bis acht Jahre in der römischen Kurie; alle wollen wieder heim in ihre jeweiligen Provinzen. Keiner wollte oder will dorthin; alle sind gleichsam einbestellt und stellen sich dann eben für diese beschränkte Zeit in den Dienst an der weltweiten Gesellschaft Jesu. „Karriere“ gibt es nicht.

Mit dem aktuellen Provinzial von Venezuela und dem ehemaligen Provinzial von Venezuela - jetzt Generaloberer der Jesuiten - beim Abendessen in der Kurie in Rom.

Universal und regional

Schild an der Zimmertür von Johannes Siebner SJ in der Kurie, damit seine Mitbrüder wissen, wo er gerade ist.

Die Spannung zwischen den verschiedenen Ebenen eines weltweit agierenden Ordens zieht sich wie ein roter Faden durch die Tage. Natürlich betonen Pater Sosa und sein Team vor allem die Universalität des Ordens; kein Jesuit ist für ein Land, für „seine“ Provinz oder gar für nur eine bestimmte Sendung in den Orden eingetreten. Unsere Sendung ist universal und die Verfügbarkeit für die Kirche und den Orden ist eine universale. Spätestens die Gespräche mit dem internationalen Direktor des Jesuit Refugee Service (JRS) oder dem Delegaten für die römischen Häuser (also z.B. für die Gregoriana) machen dies klar. Die fragen schon mal sehr deutlich nach Solidarität und Unterstützung. Zurzeit leben und arbeiten 14 Jesuiten unserer Provinz in Rom, davon sechs an der Universität Gregoriana, vier am Priesterseminar Germanicum et Hungaricum und einer im Vatikan beim Kommunikationssekretariat.

Auch die Rezeption der jüngsten Generalkongregation des Ordens im Oktober / November 2016 spielt natürlich eine zentrale Rolle. Die Dekrete dieser Versammlung wollen ja weltweit Richtung und Orientierung geben für die Sendung auf allen Kontinenten, regional und also in ganz unterschiedlichen kulturellen, religiösen, politischen und sozialen Kontexten sollen sie mit Leben gefüllt werden. Im Austausch wird deutlich, dass die wenigen aber doch klaren Fingerzeige aus 2016 gut aufgenommen werden vor Ort: „Gefährten in einer Sendung der Versöhnung und der Gerechtigkeit“, so der Titel des entscheidenden Dekrets. Den in Rom versammelten Provinziälen geht es vor allem darum, wie sie den Aspekt der Gefährtenschaft inspirieren, motivieren aber auch einfordern können. Die Sorge um jeden einzelnen Mitbruder, dessen Sendung und die Sorge um das Kommunitätsleben sind ihre vornehmsten Aufgaben (cura personalis). 

Und so kreist der Erfahrungsaustausch der „Jung-Provinziäle“, nicht ganz so universal, zum Beispiel viel um die sogenannte Visite, den Besuch also jeder einzelnen Kommunität durch den Provinzial, in kleineren Provinzen jährlich, in größeren Provinzen kann der Abstand zwischen den Besuchen etwas größer sein. Wie machst Du das? Wo legst Du Akzente? Wie bereitest Du das vor? Wie sind Deine Erfahrungen mit der Gewissensrechenschaft in Deinen ersten Monaten? Aber auch: was können wir tun, um die Hausoberen zu unterstützen? Wie macht Ihr das mit der Kooperation zwischen Werksleiter und Hausoberen? Überhaupt spielt die Frage der Zusammenarbeit mit Nicht-Jesuiten eine zentrale Rolle in unseren Gesprächen. Wenn die Einrichtungen (z.B. Schulen, Hochschulen oder Exerzitienhäuser) apostolische „Instrumente“ unserer Sendung sind, wenn es also letztlich um die Verkündigung des Reiches Gottes geht, dann sind doch alle Beteiligten, Jesuiten wie Nicht-Jesuiten, Teil dieser einen gemeinsamen Sendung. Oder ist das eine unangemessene Vereinnahmung der Mitarbeiter? Wie drückt sich das konkret in der Zusammenarbeit aus? Wie ist es eigentlich um die Zusammenarbeit der Jesuiten untereinander bestellt? Ein gutes „Übungsfeld“ scheint da zu liegen, wo Jesuiten Mitarbeiter in einem Werk sind, deren Leiterin oder Leiter ein Nicht-Jesuit ist.

Johannes Siebner SJ mit den 13 Neu-Provinziälen, Generalobere P. Sosa und Papst Franziskus nach der Santa Marta Messe im Vatikan.

Viele weitere Themen und Aspekte unserer Tätigkeit greifen wir auf während der Tage in Rom, manches auch ganz praktisch, fast technisch (rechtliche und finanzielle Fragen). Meistens beginnen wir mit einer Zeit der Stille und des Gebets, gefolgt von einem „geistlichen Gespräch“, einem Prozess gemeinsamer Unterscheidung der Geister.

Zum Rahmen der Tage gehört auch, dass wir Gäste sind in der Gregoriana und im Kolleg Il Gesù, wir besuchen die Räume des Hl. Ignatius und haben eine äußerst interessante Führung durch das Archiv des Ordens. Natürlich ragt als besonderes Erlebnis die Morgenmesse mit Papst Franziskus in Santa Marta heraus und die kurze persönliche Begegnung mit ihm im Anschluss an die Messe. Seine Herzlichkeit berührt und seine Einfachheit, der Humor und die Ernsthaftigkeit. Die „Freude am Evangelium“, von der er stets spricht, strahlt er aus – das ist ansteckend.

Johannes Siebner SJ ist 1983 in den Orden eingetreten und wurde 1992 zum Priester geweiht. Nach Studien der Philosophie (München) und Theologie (Frankfurt und Erfurt) war er von 1993 bis 2001 als Jugendseelsorger und Religionslehrer in Hamburg. Von 2002 bis 2011 war er Direktor des Kollegs St. Blasien tätig, danach als Rektor des Aloisiuskollegs in Bonn – Bad Godesberg bis er 2017 Provinzial der Deutschen Provinz wurde.

letzte Aktualisierung am 03.01.2018