Deutsche Provinz der Jesuiten

Eine Neujahrsübung

Von Thomas Gertler

Haben Sie schon von Slow-TV gehört? Das ist ein norwegischer Fernsehsender, da können Sie dem Geschehen in Originalzeit zuschauen. 

Es gibt in Norwegen schon 3 Millionen von 5 Millionen Einwohnern überhaupt, die es lieben. Es muss etwas Wohltuendes daran sein. Die letzte Erfolgssendung ist, einer Frau beim Stricken zuzuschauen. Vom ersten um den Finger-Wickeln des Fadens bis zum fertigen Pullover oder Handschuh. Es dauert Stunden. Der erste Film des Slow-TV war eine Eisenbahnreise von Bergen nach Oslo – über sieben Stunden. Hier können Sie zuschauen. 

Slow-TV erinnert uns daran, dass wir im Kino oder im Fernsehen alles schneller sehen, als es in Wirklichkeit passiert. Die Wirklichkeit ist zum Glück viel langsamer, langweiliger als so ein Film oder Fernsehspiel. Das ist tröstlich. Die wirkliche Wirklichkeit ist immer viel reicher als die digitale Wirklichkeit. Und bei Slow-TV werden wir wenigstens ein bisschen daran erinnert, dass viel mehr und zugleich viel weniger passiert. Dass es in der Wirklichkeit immer irgendwelche Pausen, irgendwelche Löcher der Langeweile gibt. Und wir sind inzwischen oft so sehr von der virtuellen Welt geprägt, dass wir sie in die reale Welt übertragen wollen. Es soll solche Pausen, solche Langsamkeit nicht geben. Sie sollen übersprungen werden. Und das macht uns krank.

Slow-TV holt etwas von der wirklichen Wirklichkeit zurück in die mediale Welt und es macht offensichtlich Freude, dabei zu sein. So nähern wir uns gewissermaßen von hinten herum wieder der Realität des Lebens, das ja so viel mehr Dimensionen hat als es uns der zweidimensionale Bildschirm vorführt. Wäre das nicht eine schöne Übung für Neujahr, statt James Bond einmal Slow-TV zu sehen? Wieso für Neujahr? Ja, wieso für Neujahr? Ginge doch das ganze Jahr!

Ja, es ginge das ganze Jahr. Aber es wäre auch eine gute Übung, um das Jahr einmal damit zu beginnen, damit ich vielleicht das ganze Jahr aufmerksamer bin auf die Wirklichkeit, auf mein Leben, wie es eben passiert mit all dem Gewöhnlichen und Banalen, Langweiligen und Unbedeutenden. Gerade da kommt aber unbemerkt oft ganz Neues in mein Leben. Sie können auch einfach dem Kaminfeuer zuschauen. 

Besser noch ist aber folgende Übung: Schuhe ausziehen. Aufrecht hinstellen. Aufmerksam werden, wie mein Gewicht auf den Füßen ruht. Wie mich der Boden trägt. Und dann einen Schritt tun. Langsam. Nicht zu groß. Spüren, wie sich der Fuß hebt, nach vorn geht, wie ich mit der Ferse aufsetze und wie sich zugleich die andere Ferse hebt. Wie der Fuß abrollt und wieder zu stehen kommt. Der andere sich nun daneben stellt. Wieder mein Gewicht spüren an der anderen Stelle. Also einmal ganz bewusst gehen. Bewusst gehen, aber nicht kontrollierend und überwachend, sonst verliere ich womöglich das Gleichgewicht. Nein, Sie sollen ganz beim Gehen sein. Nur gehen sonst nichts. Nicht nachdenken über das Wunder des Gehens, nein, nur einfach gehen, nur einen Schritt tun, weiter nichts. Und dann noch einen Schritt. Und ganz dabei sein, wie ich schreite, Schritt für Schritt. Gute Übung für Neujahr. Der erste Schritt ins Neue Jahr. Damit ich auch die übrigen Schritte bewusster tue. Nicht kontrollierend, nicht bewachend, nicht misstrauisch, ob ich auch den richtigen Schritt mache oder den Schritt richtig mache, sondern nur einfach ganz innerlich beim Gehen, beim Schreiten sein und nicht anderswo. Sehr gute Übung für das neue Jahr.

Letzte Übung: ein langer Spaziergang im Wald oder über das Feld. Lang heißt mindestens eine Stunde. Es dürfen auch zwei sein. Und wenn es geht allein. Vielleicht noch mit dem Hund, wenn er nicht dauernd Aufmerksamkeit will und braucht. Nach einer halben Stunde etwa kommen Sie dann mehr zu sich selbst. Sie lassen das dauernde Denken hinter sich. Erholen sich vom vielen Sitzen und Essen. Sie sind mehr im Gehen und Sehen. Sie sind mehr eins mit dem Weg, den sie gehen. Sie sind mehr eins mit Ihrem Gehen. Sie sind bei dem, was Sie gerade tun. Beim Wandern durch den Winterwald.

Und je mehr ich in der Wirklichkeit bin, je präsenter und gegenwärtiger ich bin, umso mehr bin ich bei mir selbst und auch bei Gott. Wieso? Wieso bei Gott? Weil Gott die innerste Wirklichkeit selbst ist. Gott ist zwar nicht die Welt. Aber die innerste Wirklichkeit der Welt ist Gott, der sie trägt hält und leitet. Je mehr ich in der Wirklichkeit bin, umso mehr bin ich auch in Gott und bei Gott. Umso mehr ist Gott in mir. Wer ganz darin ist, kommt in den Frieden.

Darauf laufen die Neujahrsübungen hinaus: In der Wirklichkeit ankommen, bei mir selbst ankommen und bei Gott und mit Ihm und in Seinem Frieden die ersten Schritte ins neue Jahr tun.

Thomas Gertler SJ ist 1948 geboren und mit 19 Jahren 1967 in den Orden eingetreten. Er war u.a. Dozent für Dogmatik in Erfurt und Regens des Priesterseminars in Sankt Georgen. Derzeit lebt Gertler in Augsburg und ist für die Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL) tätig.               

letzte Aktualisierung am 02.01.2018