Deutsche Provinz der Jesuiten
Andreas Batlogg SJ bei einer Buchvorstellung Anfang April in Herz-Jesu München-Neuhausen.

Jedes Gebet wie ein Schrei

Wie eine Krebserkrankung das Leben von Jesuitenpater Andreas Batlogg veränderte

Die Menschen glauben immer, weil ich durch die Chemo-Therapie meine Haare nicht verloren habe, ich wäre pumperlgsund. Aber das stimmt leider nicht." Pater Andreas Batlogg (55) spricht mit sonorem österreichischen Unterton, seine Stimme ist leicht rau. Mit dem 25. September vergangenen Jahres hat sich das Leben des Jesuiten aus St. Michael und ehemaligen Chefredakteurs der christlichen Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit" radikal verändert: Längere Zeit schon hat er Beschwerden mit der Verdauung, schiebt es auf Stress und Überarbeitung. Die Mitbrüder raten zu einer Darmspiegelung. Nach der Untersuchung blickt ihn der Arzt an diesem sonnigen Münchner Herbsttag sorgenvoll an. Die Satzfetzen "Krebs", "bösartiger Tumor", "sehr groß", "lebensbedrohlich" klingen wie Hammerschläge in Pater Batloggs Ohren. "Es war ein Schock, ich war sprachlos."

Mechanisch nimmt er vom Arzt den Termin am nächsten Tag im Krankenhaus Neuperlach entgegen, geht wie betäubt zum nahen Taxistand: "Ich blickte auf die bunt gefärbten Blätter an den Bäumen und dachte plötzlich: ,Wie lange werde ich die noch sehen?'", erinnert sich der Jesuit. Am Abend vertraut er sich drei Mitbrüdern in St. Michael an, spürt, wie schwer es ist, die neue unabwendbare Wirklichkeit auszusprechen: "Mir brach sofort die Stimme." Am Ende des langen Gesprächs brauchen alle einen Schnaps.

Die Untersuchung am nächsten Tag bringt die medizinische Gewissheit und den nächsten Schock: "Sagen Sie alle Termine für das nächste Jahr ab", sagt der Chefarzt und rät zur sofortigen Operation. Das Sabbatjahr nach dem Ausstieg aus den "Stimmen der Zeit", die zwei Monate in Jerusalem, danach der USA-Aufenthalt - alles zerplatzt in diesem Augenblick. Und was soll aus dem Buch zum fünfjährigen Amtsjubiläum von Papst Franziskus werden, das Pater Batlogg gerade begonnen hat? Der scharfe Analytiker, versierte Schreiber und eloquente Prediger spürt auf einmal, wie eine große und kalte Angst sein Herz umkrampft: "Es war, als ob mich diese Prognose verschlucken würde."

Pater Andreas Batlogg SJ in seinem Zimmer in St. Michael Foto: Ertl

In seiner Seelennot ruft er einen Freund an, Onkologe und Hämatologe in der Uniklinik: "Und da fällt der wunderbare Satz ,Ich bin für dich da'." Einige Zeit vorher hatte Pater Batlogg den Sohn getauft, jetzt, so der Arzt, sei er dran: "Du bist mein Bruder", sagt der Mediziner. Er rät dem Jesuiten zu einer anderen Art der Behandlung, zur sogenannten "neoadjuvanten Therapie" - erst Bestrahlung, dann Chemotherapie, dann Pause, dann Operation. So soll der Tumor vor dem operativen Eingriff schrumpfen.

Anfang Oktober bekommt er im Klinikum Großhadern einen Port für Infusionen gelegt, dann beginnt die erste sechswöchige Bestrahlungstherapie. Immer vormittags, um 10 Uhr, für fünf bis sieben Minuten. In St. Michael wird den Gottesdienstbesuchern die Diagnose mitgeteilt, Pater Batlogg will offen mit der Krankheit umgehen.

Müdigkeit, Übelkeit und schwere Inkontinenz belasten ihn: "Es kostete mich so viel Überwindung, in der Apotheke Windeln zu besorgen. Ich empfand es als demütigend, aber ich konnte vorne und hinten nichts mehr halten." Dann die erste einwöchige Chemotherapie. Als Gegenreaktion entzündet sich die komplette Speiseröhre, alle Schleimhäute bluten, Pater Batlogg muss stationär ins Krankenhaus, bekommt Infusionen und Morphine. Gegenüber seines Betts stellt er eine kleine Ikone auf, sie ist seine Gottesverbindung. Eine griechisch-orthodoxe Schwester bemerkt das Bild und fragt: "Sind Sie Priester?"

Jeden Tag besuchen ihn Mitbrüder, die Druckfahnen für die letzten "Stimmen der Zeit" unter seiner Regie werden am Krankenbett korrigiert. Eine Freundin, Lektorin in St. Michael und selbst Ärztin, erweist sich als große selbstlose Helferin, sie pflegt und versorgt den Geistlichen zusätzlich zu den knappen Krankenhausmöglichkeiten. Ein Skiunfall reißt sie später völlig unerwartet aus dem Leben, der Jesuit ist tief erschüttert.

Die Psalmen des Stundengebets gewinnen eine neue Bedeutung und Qualität für den Sterbenskranken: "Ich las sie nun ganz anders, ich war nun mitten in ihnen." Auch Gedichte bekommen für ihn in der folgenden Zeit großes Gewicht.

Eine Woche vor der Operation empfängt er im kleinen Kreis die Krankensalbung. Für Pater Batlogg, der das Sakrament selbst oft gespendet hat, ist es ein Akt der tiefen inneren Glaubensüberzeugung. "Meine Eltern erschraken und reagierten mit Unverständnis. Sie dachten zu sehr an die letzte Ölung, dabei ist dies doch eine Stärkung." Das Manuskript zum Papstbuch wird in eiserner Disziplin kurz vor der Operation fertig.

Am 19. Januar folgt der fünfstündige Eingriff. Wie er in den OP-Saal geschoben wird, schickt Pater Batlogg ein kurzes Stoßgebet zum Himmel. Dann Dunkelheit. Im Aufwachraum sitzt sein Mitbruder Pater Karl Kern am Bett: "Karl!", "Ja?" "Sing mir bitte etwas vor." "Was denn?" "Herr, ich bin dein Eigentum". Leise singt Pater Kern.

Das jüngste Buch von Andreas Batlogg SJ erschien Anfang April: "Der evangelische Papst Hält Franziskus, was er verspricht?"

In der folgenden Woche quälen den frisch Operierten Schluckauf-Anfälle, "mein Mageninhalt überflutete jedes Mal alles. Ich schämte mich, fühlte mich so hilflos". Der Jesuit verliert elf Kilo an Gewicht, der künstliche Darmausgang, das Illeostoma, ist eine zusätzliche Belastung, physisch wie psychisch: Durch eine Öffnung in der Bauchdecke wird ein kleines Stück des Dünndarms nach außen auf die Hautoberfläche geführt. Anstatt über den After wird der Stuhl jetzt hier aus dem Körper ausgeschieden. "Ich ekelte mich vor mir selbst."

Pater Batlogg hat große Schmerzen, wird künstlich ernährt. Er ist zu schwach zum Stehen, kann sich nicht allein waschen, bekommt einen Rollator: "Wie ein alter Mann." Die Nächte im Krankenhaus sind unendlich lang, der Jesuit befindet sich zwischen Traum und Wirklichkeit, immer wieder geht der flehende Blick zur Ikone: "Herr Jesus, erbarme dich!" - seine einzigen Gebetsworte in dieser Zeit. "Es war jedes Mal wie ein Schrei." Kurz vor der geplanten Entlassung wird eine neuerliche Operation nötig, der Darm wurde beim ersten Mal zu eng gezogen, das wird nun behoben.

Endlich, der Rekonvaleszent darf zur Erholung nach Bernried am Starnberger See. Langsam geht es bergauf, Pater Batlogg kommt allmählich zu Kräften, kann erstmals wieder selbst zelebrieren. Mit dem Rollator besucht er ein Konzert in München: "Ein unbeschreibliches Gefühl." Mitte März fährt er mit dem Zug zu einem Vortrag nach Köln. Am Karsamstag, 31. März, erscheint sein Buch "Der evangelische Papst" (Kösel-Verlag München 2018), am 26. April kann Pater Batlogg in Wien mit Erzbischof Christoph Schönborn, der ihn damals weihte, sein 25. Priesterjubiläum feiern.

Bis heute muss Pater Batlogg täglich zehn Chemotabletten einnehmen - da er mit dem Schlucken große Probleme hat, zermörsert er sie. Sieben Kilo hat er wieder zugenommen. Nach wie vor quält ihn Inkontinenz. Doch er blickt hoffnungsvoll in die Zukunft, vertraut auf Gott und freut sich an kleinen Dingen des Alltags: "Eine Löwenzahnwiese sehen, blühenden Flieder riechen, einen Spaziergang durch die Stadt machen, alles wunderbar", sagt er.

Florian Ertl
Der Autor ist stellv. Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung

Pater Andreas R. Batlogg SJ ist 1962 in Lustenau/Vorarlberg geboren und 1985 in die österreichische Provinz der Jesuiten eingetreten. Er hat Philosophie und Theologie in Innsbruck, Israel und Wien studiert und eine Promotion über Karl Rahners Christologie abgeschlossen. Außerdem ist er Mitherausgeber der "Sämtlichen Werke" Karl Rahners. Seit 2000 war er Redakteur, von 2009 bis 2017 Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit".

Den Artikel haben wir freundlicherweise übernommen aus der Münchner Kirchenzeitung, 3. Juni 2018, Nr. 22.

letzte Aktualisierung am 04.06.2018